Laut offiziellen Angaben des iranischen Parlaments wurden allein von 2017 bis 2022 184.000 Mädchen unter 15 Jahren verheiratet. Da nicht alle Ehen eingetragen werden, dürfte die Dunkelziffer noch viel höher liegen. Eine Kinderehe beeinträchtigt häufig die Entwicklung eines Mädchens: Sie kann zu früher Schwangerschaft und damit zu einem Gesundheitsrisiko führen. Verheiratete Mädchen werden außerdem oft aus ihrem bisherigen sozialen Umfeld herausgerissen, sind zu Hause isoliert und damit auch einem höheren Risiko von häuslicher Gewalt ausgesetzt.
Für unsere diesjährige Aktion zum 8. März haben wir eine betroffene Frau interviewt, die bereit war, ihre Geschichte mit uns zu teilen. Aus Sicherheitsgründen und aufgrund der aktuellen Situation im Iran (Stand: Januar 2026) bleibt sie anonym. Wir danken ihr für den Mut, ihre Geschichte trotz der Risiken öffentlich zu machen.
Erzählen Sie bitte etwas über sich selbst.
Ich bin eine Frau, die vor 37 Jahren im Iran geboren wurde und in der Islamischen Republik aufgewachsen ist, in einem System, das von der Scharia geprägt und zutiefst frauenfeindlich ist. Ich bin Mutter einer 17-jährigen Tochter und lebe seit acht Jahren im Exil in Deutschland. Mein Leben ist geprägt von Verlust, Zwang, Widerstand und dem tiefen Wunsch nach Freiheit, Würde und Selbstbestimmung, für mich selbst, für meine Tochter und für alle Frauen in der Welt.
Wie alt waren Sie, als Sie geheiratet haben, und wie war Ihr Leben vor der Ehe?
Ich war 16 Jahre alt, als ich verheiratet wurde. Meine Kindheit war von Verlust und Instabilität geprägt. Mein Vater starb, als ich vier Jahre alt war. Meine Mutter war damals erst 22 Jahre alt und hatte vier kleine Kinder. Ohne finanzielle, soziale oder rechtliche Unterstützung und ohne Sorgerecht sah sie keinen anderen Ausweg, als uns zu verlassen. Unser Großvater erhielt das Sorgerecht, war jedoch alt und überfordert. In der Familie wurde entschieden, dass jedes Kind bei Verwandten untergebracht wird, aus Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung und staatlicher Intervention. Ich wurde von meinem Onkel aufgenommen, der selbst in sehr schwierigen Verhältnissen lebte: wirtschaftliche Not, soziale Instabilität und Drogensucht prägten diesen Haushalt. Nach meinem Schulabschluss (Abitur) wurde ohne mein Einverständnis ein Heiratsantrag für mich angenommen. Mein Onkel sagte Ja, und damit war über mein Leben entschieden.
Wie war Ihr Leben während der Ehe?
Mein Leben während der Ehe war geprägt von Zwang und Anpassung. Ich musste immer wieder „Ja“ sagen, funktionieren, bereit sein, unabhängig von meinen eigenen Gefühlen, Bedürfnissen oder Träumen. Mein Wille spielte keine Rolle. Ich hatte keine Stimme.
Wie ist Ihr Leben jetzt?
Heute bin ich frei. Nach einer langen inneren Rebellion habe ich es geschafft, „Nein“ zu sagen. Doch meine Rechte konnte ich im Iran nicht erlangen. Deshalb bin ich mit meiner Tochter geflohen, um sie zu schützen und um sicherzustellen, dass ihr niemand ihre Selbstbestimmung, ihre Zukunft und ihre Würde nimmt.
Was planen Sie jetzt, was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich möchte weiterhin meine Stimme für jene erheben, die keine Stimme haben. Ich erzähle meine Geschichte, damit die Welt zuhört. Für viele Menschen ist Freiheit selbstverständlich, ber nicht überall. Ich komme aus einem Land, in dem täglich Blut vergossen wird auf dem Weg zu Freiheit, Menschenrechten und Frauenrechten. Ich wünsche mir eine Zukunft, in der diese Opfer nicht umsonst waren.
Was hätte Ihnen damals geholfen? Welche Hilfe hätten Sie sich während der Ehe gewünscht? Welche Hilfe wünschen Sie sich jetzt?
Was mir als Kind geholfen hat, war mein Glaube, an mich selbst und an Gott. In all der Gewalt, Einsamkeit und Verzweiflung war er der Einzige, der mir Kraft gegeben hat. Ich habe überlebt, weil ich immer wieder mit ihm gesprochen habe. Während der Ehe gab es keine rechtliche Hilfe, keinen Schutz durch Familie oder Gesellschaft. Die einzige reale Unterstützung kam von meinen Geschwistern, die mir halfen zu fliehen. Heute wünsche ich mir Solidarität von außen, klare Haltung und Nicht-Neutralität. Ich schreibe diese Zeilen in einer Zeit historischer Revolution im Iran, nach jahrzehntelangem Kampf für Freiheit. Ich wünsche mir von Herzen, dass das vergossene Blut Sinn bekommt und zu Licht führt.
Welche Unterstützung wünschen Sie sich für andere Mädchen, die zwangsverheiratet werden? Warum teilen Sie Ihre Erfahrung?
Ich wünsche mir, dass Mädchen so früh wie möglich erfahren, dass ihr Körper, ihr Leben und ihre Zukunft ihnen selbst gehören. Kein Staat, kein Gesetz und keine Religion darf Frauen entrechten oder unterdrücken. Ich teile meine Geschichte, weil Schweigen Teil der Gewalt ist und Sichtbarkeit der erste Schritt zur Veränderung.Was ist Ihnen noch wichtig mitzuteilen? Ich glaube an Gott, der Kraft gibt selbst in der dunkelsten Not. Aber ich glaube auch: Wenn wir wegsehen und unsere Augen schließen, werden wir Teil der Gewalt. Neutralität bedeutet Mittäterschaft, wenn Menschenrechte verletzt werden.
